Sichtbarkeit des Handwerks: Wo bleibt das Handwerk in der Stadt von morgen? 

Werkhof Aachen

Die Kreishandwerkerschaft Aachen konnte Katharina Sophie Niesing, Architektin & RWTH-Aachen-University sowie TU-Delft-Absolventin, für einen Gastbeitrag über ihre Masterarbeit gewinnen. Diese veranschaulicht, wie Stadtplanung dazu beitragen kann, das Handwerk in Aachen wieder sichtbarer zu machen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Aachen zwar stark als Hochschulstadt wahrgenommen wird, das Handwerk trotz seiner großen wirtschaftlichen Bedeutung im Stadtbild aber kaum präsent ist.

Meine Masterarbeit begann vor einem Jahr mit einer Beobachtung, die mir zuvor noch nie bewusst geworden war: Baustellen begegnen einem in Aachen eigentlich ständig, aber kaum jemand nimmt sie als Handwerk wahr. Sie werden meist als Lärm, Staub oder Umweg registriert, nicht als Werkstatt, Betrieb oder handwerkliche Leistung. Dagegen ist weit bekannt, wo sich die Gebäude der RWTH befinden und wo sich Studierende treffen. Aachen ist national und international als Unistadt bekannt, das spürt man an jeder Ecke. Aber Aachen ist auch eine Handwerksstadt mit rund 17.000 Betrieben im Kammerbezirk und 32.000 Beschäftigten allein in der Städteregion. Nur sieht man das kaum.  

Dies wurde zum Ausgangspunkt meiner Masterarbeit „WerkStadt Aachen: Strategien zur Integration und Stärkung des Handwerks im urbanen Raum“ am Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen der RWTH Aachen. Im Zentrum stand eine Frage, die mich nicht mehr losgelassen hat: Wie können Architektur und Stadtplanung dazu beitragen, das Handwerk im Stadtraum wieder sichtbarer und damit auch attraktiver für den Nachwuchs zu machen?  

Warum Sichtbarkeit mehr ist als ein Imagethema 

Der Fachkräftemangel im Handwerk wird meist wirtschaftlich oder bildungspolitisch diskutiert. Zu wenig Ausbildungsinteresse, ein verstaubtes Image und die Konkurrenz durch akademische Bildungswege spielen dabei eine Rolle. In Gesprächen mit Handwerksbetrieben, Auszubildenden, Vertretern der Handwerkskammer Aachen und der Stadtverwaltung wurde jedoch ein weiterer Faktor deutlich, der bislang zu wenig Beachtung findet: der Raum selbst. 

Werden Werkstätten und Betriebsstandorte aus den Innenstädten verdrängt, verschwindet handwerkliche Arbeit auch aus dem Alltag der dort lebenden Menschen. Wer als Jugendlicher nie eine Werkstatt von innen gesehen hat, denkt bei der Berufswahl auch nicht ans Handwerk. Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die großen Ausbildungszentren der Handwerkskammer Aachen, etwa in Simmerath oder am Berliner Ring, weit außerhalb der Innenstädte liegen. Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, hat diesen Zusammenhang treffend beschrieben: „Wenn Betriebe aus dem Alltag der Jugendlichen verschwinden und sie dadurch Handwerksarbeit gar nicht mehr sehen und erleben können, dann verwundert es nicht, dass sie bei ihrer Berufswahl das Handwerk gar nicht mehr auf dem Schirm haben.“  

Genau hier setzt meine Arbeit an. Räumliche Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck, sondern eng mit der Zukunftsfähigkeit der Branche verknüpft. Damit stellt sich auch die Frage, wie eine Stadt wie Aachen langfristig funktionsfähig bleibt, sowohl bei der energetischen Sanierung als auch bei der alltäglichen Versorgung mit handwerklichen Leistungen.  

Zwei Orte, zwei Antworten 

Auf Basis der Handwerksrolle und Interviews mit Betrieben verschiedener Gewerke habe ich die Aachener Stadtstruktur analysiert und zwei Standorte ausgewählt, an denen ich diese Idee konkret getestet habe.  

Der erste Ort ist der Dahmengraben in der Innenstadt, direkt am künftigen „Haus der Neugier” im ehemaligen Horten-Kaufhaus. Die Straße leidet seit Jahren unter Leerstand, doch das muss nicht so bleiben. Durch eine Umprogrammierung zur „Straße des Handwerks” entsteht eine Adresse, an der Handwerksbetriebe ihre Arbeit hinter großen Schaufenstern sichtbar machen und an der Reparaturcafés, Berufsorientierung, Sanierungsberatung und Weiterbildung zusammenkommen. Vergleichbar mit dem Templergraben als Adresse der RWTH wird der Dahmengraben zur zentralen Anlaufstelle für das Aachener Handwerk.  

Der zweite Standort liegt am anderen Ende der Stadt. Bei dem Eisenbahnweg 50 in Rothe Erde handelt es sich um ein leerstehendes Industriegrundstück, das die Stadt Aachen im Jahr 2024 erworben hat. Hier könnte der erste Handwerkerhof der Stadt, der „Werkhof Aachen“, entstehen. Von den vier Bestandshallen wird eine erhalten und drei durch flexible Neubauten ersetzt. Dadurch entsteht Raum für Werkstätten, Produktion, einen Maker Space und gemeinschaftlich nutzbare Infrastruktur und das direkt an der stark frequentierten Vennbahn-Radroute. So wird auch hier die Sichtbarkeit zum Entwurfsthema. Wer mit dem Fahrrad vorbeikommt, kann Handwerk bei der Arbeit sehen. 

Bei diesem zweiten Standort war mir die Frage der Trägerschaft besonders wichtig. Angesichts der Flächenknappheit in Aachen schlage ich ein genossenschaftliches Modell vor, das sich am Beispiel der Kolbenwerk eG in Hamburg orientiert: Handwerksbetriebe schließen sich zusammen, bringen Eigenkapital ein und sichern sich so langfristig bezahlbare Flächen, unabhängig von Renditeerwartungen externer Investoren.  

Was bleibt für die Praxis  

Meine Arbeit ist eine Masterarbeit und kein fertiges Bauprojekt. Die Resonanz, die mir aus der Praxis berichtet wurde, zeigt jedoch, dass der Bedarf real ist. Als die Stadt Aachen die Bestandshallen am Eisenbahnweg testweise über ein Immobilienportal ausgeschrieben hat, kamen mehrere Anfragen von verschiedenen handwerklichen Gewerken. Das Interesse an gut angebundenen, bezahlbaren Produktionsflächen in Stadtnähe ist vorhanden.  

Für mich war die wichtigste Erkenntnis dieser Arbeit, dass die Sicherung des Handwerks in der Stadt nicht allein eine Frage von Imagekampagnen oder Ausbildungsmarketing ist. Es ist auch eine städtebauliche Aufgabe. Wenn Kommunen, Handwerkskammern und Innungen gemeinsam dafür sorgen, dass das Handwerk wieder einen festen und sichtbaren Platz im Stadtraum erhält, profitieren alle: Die Betriebe von Nachwuchs und Sichtbarkeit, die Stadtgesellschaft von verlässlicher handwerklicher Versorgung und die Stadt von mehr Resilienz gegenüber den Krisen, die uns in den kommenden Jahren sicher noch beschäftigen werden.