Wenn das Elektroauto zum Stromspeicher fürs Haus wird: Bidirektionales Laden einfach erklärt!
Elektroautos können künftig mehr, als Strom aus dem Netz aufzunehmen. Beim bidirektionalen Laden fließt die Energie auch in die andere Richtung: Das Fahrzeug kann gespeicherten Strom wieder an das Haus oder perspektivisch an das öffentliche Stromnetz abgeben. Damit wird die Batterie des Elektroautos zum mobilen Stromspeicher. Besonders interessant ist die Technik für Haushalte mit Photovoltaikanlage. Produziert die Anlage tagsüber mehr Strom als im Haus benötigt wird, kann der Überschuss in der Fahrzeugbatterie gespeichert werden. Steht das Auto später zu Hause, fließt ein Teil dieser Energie zurück ins Gebäude.
Das Elektroauto übernimmt damit eine Aufgabe, für die heute häufig ein separater Batteriespeicher eingesetzt wird. Der Unterschied liegt vor allem in der Größe: Elektroautos verfügen häufig über Batterien mit 50, 70 oder mehr als 100 Kilowattstunden Kapazität. Viele Batteriespeicher für Einfamilienhäuser liegen dagegen bei etwa 5 bis 15 Kilowattstunden.
Für Haushalte könnte das bedeuten, dass sie einen größeren Teil ihres selbst erzeugten Solarstroms auch selbst nutzen können.
Vom eigenen Haus bis zum öffentlichen Stromnetz
Hinter dem Begriff bidirektionales Laden stecken verschiedene Anwendungen. Bei Vehicle-to-Home (V2H) gibt das Fahrzeug Strom an das eigene Gebäude zurück. Vehicle-to-Grid (V2G) geht einen Schritt weiter. Hier soll die Fahrzeugbatterie perspektivisch Energie in das öffentliche Netz einspeisen und beispielsweise helfen, erneuerbare Energie zeitlich zu verschieben oder Lastspitzen abzufedern.
Auch für Unternehmen ist die Technik interessant. Bei Vehicle-to-Building (V2B) könnten Firmenfahrzeuge während ihrer Standzeiten als Speicher dienen. Bei einer hohen Gebäudelast liefern die Fahrzeuge Energie zurück. Dadurch könnten sich Leistungsspitzen reduzieren lassen. Voraussetzung dafür ist ein entsprechend abgestimmtes Lade- und Energiemanagement.
Kann das Elektroauto bei einem Stromausfall das Haus versorgen?
Grundsätzlich kann auch das möglich sein. Allerdings ist eine bidirektionale Wallbox nicht automatisch eine Notstromlösung. Soll ein Gebäude bei einem Ausfall des öffentlichen Netzes über die Fahrzeugbatterie versorgt werden, muss das Gesamtsystem dafür ausgelegt sein. Unter anderem sind eine sichere Trennung vom öffentlichen Netz und ein geeignetes Schutzkonzept erforderlich. Das Fahrzeug selbst muss die entsprechende Funktion ebenfalls unterstützen.
Kann jede Wallbox bidirektional laden?
Nein. Genau hier ist bei heutigen Kaufentscheidungen Vorsicht geboten. Eine vorhandene Wallbox wird nicht automatisch bidirektional, nur weil sie technisch modern ist oder bestimmte Kommunikationsstandards unterstützt. Auch ein späteres Softwareupdate reicht nicht zwangsläufig aus.
Für das bidirektionale Laden müssen das konkrete Elektrofahrzeug und die Ladeeinrichtung zusammenpassen. Hinzu kommen je nach Anwendung das Energiemanagement und die vorhandene Hausinstallation. Bei einer Kombination mit Photovoltaik oder Batteriespeicher müssen auch diese Komponenten berücksichtigt werden.
Aussagen wie „bidirektional vorbereitet“ oder „später per Update möglich“ sollten deshalb genau hinterfragt werden.
Warum der Elektrofachbetrieb wichtiger wird
Für das Elektrohandwerk verändert bidirektionales Laden die klassische Wallboxinstallation erheblich. Sobald ein Fahrzeug Strom zurück in die Kundenanlage oder das öffentliche Netz speisen kann, ist die Ladeeinrichtung nicht mehr nur ein Stromverbraucher.
Damit rücken Anforderungen in den Mittelpunkt, die Elektrofachbetriebe bereits von Photovoltaikanlagen und Speichersystemen kennen. Dazu gehören beispielsweise Netzanschluss und Schutzkonzept sowie Messung und Energiemanagement. Die Fachinformation der Elektro-Innung verweist insbesondere auf die VDE-AR-N 4105 und die Abstimmung mit dem zuständigen Netzbetreiber.
Aus der Installation einer Wallbox wird damit zunehmend die Planung eines vernetzten Energiesystems, in dem Gebäude, Photovoltaikanlage, Ladeinfrastruktur und Elektrofahrzeug aufeinander abgestimmt werden müssen.
Technik vorhanden, Standardisierung noch nicht abgeschlossen
Erste bidirektionale Systeme sind bereits verfügbar. Viele funktionieren jedoch nur mit bestimmten Fahrzeugen oder innerhalb herstellerspezifischer Systeme. Auch die technische Normung entwickelt sich weiter. Die Fachinformation der Elektro-Innung Aachen kommt auf Grundlage einer MENNEKES-Roadmap zu einer entsprechend vorsichtigen Einschätzung: Mit einer normativ weitgehend abgeschlossenen und herstellerübergreifenden Standardlösung sollte demnach nicht vor etwa dem dritten Quartal 2028 gerechnet werden. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine fachliche Orientierung und nicht um einen verbindlichen Markteinführungstermin.
Für Verbraucher bedeutet das: Die Technik ist spannend, beim Kauf sollte aber genau geprüft werden, was ein konkretes System heute tatsächlich kann.
Was Sie vor dem Kauf klären sollten
Wer heute ein Elektroauto oder eine neue Wallbox anschafft und bidirektionales Laden nutzen möchte, sollte sich nicht allein auf Produktbezeichnungen verlassen. Wichtig sind konkrete Antworten auf einige Fragen:
- Kann das Fahrzeug tatsächlich bidirektional laden?
- Kann Strom nur an einzelne Geräte oder auch an das Haus abgegeben werden?
- Welche Wallbox ist dafür freigegeben?
- Funktioniert das System mit der vorhandenen Photovoltaikanlage?
- Ist ein zusätzliches Energiemanagement notwendig?
- Kann eine bestehende Wallbox weitergenutzt werden?
- Ist eine Ersatzstromversorgung vorgesehen?
- Welche zusätzlichen Installationskosten entstehen?
- Ist die Lösung an einen bestimmten Hersteller oder Tarif gebunden?
Die ausführliche Fachinformation empfiehlt Elektrofachbetrieben zudem, vor einer Kundenzusage die Systemkompatibilität und die erforderlichen Zertifikate sowie Netzanschluss und Schutzkonzept gemeinsam zu prüfen.
Ein neues Feld für das Elektrohandwerk
Bidirektionales Laden zeigt, wie eng Elektromobilität und die Energieversorgung von Gebäuden künftig zusammenwachsen können. Für Verbraucher eröffnet das neue Möglichkeiten, insbesondere wenn bereits eine Photovoltaikanlage vorhanden ist.
Für das Elektrohandwerk entsteht gleichzeitig ein anspruchsvolles Beratungs- und Tätigkeitsfeld. Die Wallbox von morgen ist nicht mehr nur eine Steckdose fürs Auto. Sie kann Teil eines komplexen Energiesystems werden.
Gerade deshalb lohnt es sich, die Technik schon heute im Blick zu behalten und bei konkreten Projekten auf fachkundige Beratung zu setzen. Unsere Elektro-Innung schafft mit der Ausbildung zum/r Elektroniker/in für Gebäude und Systemintegration und geschulten Fachbetrieben schon heute die Grundlage für eine qualifizierte Beratung zum Thema. Sprechen Sie uns gerne an.